29.01.2016

Es geht um unsere Existenz. Es geht um unser Überleben.

Sachsens Milchbauern beraten über Wege aus der Krise.

„Wir Bauern sind die verlässlichsten Partner im ländlichen Raum. Trotzdem werden wir in der Wertschöpfungskette ungleich behandelt und die Politik sieht zu. Das darf nicht sein!“ Mit diesen Worten begann SLB-Präsident Wolfgang Vogel seine Rede zur Milchkonferenz am 29.01.2016 in Groitzsch, zu der der SLB alle sächsischen Milcherzeuger eingeladen hatte und der ca. 150 Bauern folgten.
Seit mehr als einem Jahr kämpfen die Milchbauern mit niedrigen Preisen. Aktuell sind die Gesetze des Marktes wie ausgehebelt. Jeder weiß, dass der Preis sich an Angebot und Nachfrage orientiert. Ist die Nachfrage größer als das Angebot, steigt der Preis und es wird versucht die Angebotsmenge an die Nachfragemenge anzupassen. Der Effekt dreht sich normalerweise bei sinkender Nachfrage um. Auf dem Milchmarkt ist das Angebot mit den Nachfrageeinbrüchen durch das Russlandembargo und die Konjunkturschwäche Chinas nicht gesunken, sondern leicht gestiegen. Im Jahr 2013, also vor dem Erlass des Embargos, wurden umgerechnet 2,5 % der EU-Milchproduktion in Richtung Russland exportiert. Seit Mitte 2014 belasten somit nicht unerhebliche Milchmengen den Binnenmarkt der einzelnen EU-Mitgliedstaaten zusätzlich. Allein der Wegfall des russischen Marktes bedeutet für die deutschen Milcherzeuger einen Erlösrückgang von 4 Cent/kg Milch. „Hier ist unsere Regierung in der Pflicht. Es kann nicht sein, dass ein politischer Konflikt auf dem Rücken von uns Bauern ausgetragen wird. 4 Cent würden zur Liquidität und zur Bedienung von Krediten schon ein Stück helfen.“, mahnte der SLB-Präsident. „Wir fordern ein vernünftiges Einkommen für ein vernünftiges Auskommen.“ Diese Entschädigung wäre eine kurzfristige Hilfe für die Milchviehbetriebe. Langfristig reicht dies allerdings nicht. Der Forderung von Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Dr. Reiner Haseloff an die Bundeskanzlerin nach einer steuerlichen Risikoausgleichszulage und einer deutlichen Erhöhung des steuerlichen Freibetrages für Land- und Forstwirte sowie die Forderung der sächsischen Staatsregierung, ein Liquiditätshilfeprogramm des Bundes mit zinsgünstigen oder zinsfreien Krediten einzuführen, ist grundsätzlich zu unterstützen, hilft aber nicht sofort.
Die bereits seit Längerem fehlende Liquidität in Tiere haltenden Betrieben macht sie zunehmend sturmreif für außerlandwirtschaftliche Kapitalgeber. Damit wird den ortansässigen und in der Region verwurzelten Landwirten der Boden ihrer Existenz entzogen. Aus Unternehmerinnen und Unternehmern werden auf diese Mägde und Knechte. „Wir sind dabei, dass uns das Erreichte von 25 Jahren in wenigen Monaten kaputt gemacht wird,“ so der Bauernpräsident.
Die rechtzeitige Auszahlung der EU-Gelder sowie die Wiedereinführung eines staatlichen Zuschusses zur Landwirtschaftlichen Unfallversicherung sind weitere Forderungen des Bauernverbandes, die von der Politik aufgegriffen und umgesetzt wurden. Im September verabschiedete die EU-Kommission ein Hilfspaket in Höhe von 500 Mio. Euro. Davon wurden 80 Mio. Euro für die Exportförderung, die Versorgung von Flüchtlingen und die Ausweitung der Privaten Lagerhaltung verwendet. Lediglich 420 Mio. Euro wurden auf 28 EU-Mitgliedsstaaten verteilt. Auf Deutschland entfielen dabei 69,2 Mio. Euro, also gerade mal ein Fünftel der Superabgabe, die die deutschen Bauern 2015 zahlen mussten. Diese Liquiditätsbeihilfe soll bei der Aufnahme eines Darlehens mit 4 bis 6 Jahren Laufzeit und mindestens einem tilgungsfreien Jahr Milch- und Fleischerzeugern gewährt werden und ist weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein.
Anfang Januar gab das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bekannt, dass bis Ende Dezember rund 7.760 landwirtschaftliche Betriebe bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung Anträge mit einem Volumen von etwa 55,6 Mio. Euro gestellt haben. Ca. zwei Drittel der Antragsteller sind Milchviehhalter und etwa 6 % der gestellten Anträge werden auf die von Sachsen kritisierte Beihilfeobergrenze von 10.000 Euro gekürzt werden. Über 70 % der gestellten Anträge kommen aus den Bundesländern Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.


Blick über den Tellerrand

„Heutzutage ist es für uns Milchbauern enorm wichtig über den Tellerrand zu schauen und neue Vermarktungsstrukturen zu entwickeln. Überlegungen, wie wir als Erzeuger die Vermarktung unserer Milch aktiver mitgestalten können, wen wir als Partner ins Boot holen sollten und welche Hindernisse umschifft werden müssen.“, betonte Wolfgang Vogel in der Milchkonferenz. Dazu wurden Fachleute eingeladen, die diesen Blick ermöglichten.
Dr. Hans-Jürgen Seufferlein vom Verband der Milcherzeuger Bayern e.V. erläuterte die Struktur der bayerischen Erzeugerorganisation und Molkereiwirtschaft, Joachim Burgemeister vom Genossenschaftsverband gab einen Einblick in die Besonderheiten der Vertragsgestaltung zwischen Erzeugern und Molkereigenossenschaften und informierte, wie FrieslandCampina eine befristete Reduzierung der Milchmenge honoriert. Als dritter Referent zeigte Johann Kalverkamp von der VR Agrarberatung AG, wie die Milchpreisabsicherung an der Börse funktioniert.
In der anschließenden Diskussion wurde intensiv und fachkundig beraten, welche Optionen für die sächsischen Milchbauern gezogen werden könnten. Die teilweise hitzige Diskussion spiegelte die derzeitige katastrophale Situation in den Betrieben wieder. Viele Probleme wurden angesprochen, aber Lösungen waren gefragt.


Wie lange können die Bauern mit der derzeitigen wirtschaftlichen Lage (über-)leben und was ist zu tun?

Klar kam heraus, dass die Politik von sich aus nicht helfen wird. Bis 2020 sind die Richtlinien festgezurrt. Trotzdem muss den Bauern in dieser Situation gerade von politischer Seite geholfen werden. „Kurzfristig kann einiges getan werden. Da wären die 4 Cent Soforthilfe und langfristig die Risikoausgleichszulage. Zudem sind Versicherungsmodelle mit Absicherung von Mindestpreisen wie in England mit garantierten 37 Cent zu diskutieren. Sowohl der Staat als auch der Lebensmitteleinzelhandel müssen seiner Verantwortung gerecht werden.“, betonte Wolfgang Vogel. „Das Geld ist da, wie es die derzeitige Flüchtlingspolitik zeigt.“
„Jeder Milcherzeuger sollte die Gunst der Stunde nutzen und mit Verstand am Markt agieren. Die Preise werden wieder steigen, aber nach der Krise ist vor der Krise,“ mahnte Johann Klaverkamp. Er legte allen Milcherzeugern nahe, sich erheblich besser auf die nächste Krise vorzubereiten.
Deutlich wurde außerdem, dass noch mehr auf die katastrophale Situation aufmerksam zu machen ist. Problematisch ist dabei, dass es sich hier nicht nur um ein sächsisches Problem handelt, sondern um eine gesamteuropäische Situation. Wichtig ist nun, dass die einzelnen Akteure am Milchmarkt gemeinsam in eine Richtung arbeiten. Sowohl die Politik, die Verbände, die Erzeugergemeinschaften, die Molkereien, der Handel und die Milcherzeuger, alle sind hier in der Pflicht.


Die Straße ist kein Tabu mehr.

„Wir wären schlechte Interessensvertreter, wenn wir die Politik außen vor lassen“, resümiert Wolfgang Vogel. „Wenn Anfang April zwischen dem Handel und den Verarbeitern neu verhandelt wird, müssen wir geschlossen für bessere Milchpreise auf die Straße gehen. Wir haben wohl keine andere Wahl.“ Die Einigkeit der Bauern untereinander ist notwendig und nur dann eine verlässliche Basis. Dies muss noch deutlicher nach außen getragen werden. Ein kurzfristiges Signal der Politik wären die 4 Cent. Zudem muss die Risikoausgleichsrücklage jetzt kommen. Versicherungsmodelle mit Mitteln der 2. Säule wären auch denkbar. Schlussendlich fordern die Bauern wiederholt die übermäßige Bürokratie mit immer weiteren Forderungen und Auflagen jetzt zu stoppen. „All dies wird daran zu messen sein, ob es 2017 in Sachsen noch Milchkühe in der Hand ortsansässiger Bauern gibt,“ so Vogel in seinem Schlusswort.


Bild: In der Milchkonferenz ging es vor allem um die Aufrechterhaltung der sächsischen Milchproduktion. Regionalität muss erhalten bleiben. Symbolisch dafür tranken die Referenten der Konferenz regional erzeugte Milch der Marke Vogtlandweide.


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