08.01.2016

SLB-Auftakt 2016 – Steigerung der Wertschätzung von Lebensmitteln - Wie raus aus der Krise?

Existenzbedrohende Lage in der tierischen Veredlung

Limbach-Oberfrohna. Die sächsische wie auch die deutsche Landwirtschaft, insbesondere unsere Nutztierhaltung, befindet sich derzeit in der schwersten Krise seit der Wiedervereinigung. Aus dem am 8. Dezember 2015 vorgestellten Situationsbericht 2015/16 des Deutschen Bauernverbandes e.V. (DBV) geht hervor, dass sich im abgelaufenen Wirtschaftsjahr 2014/15 die Ertrags- und Einkommenslage der deutschen Landwirtschaft dramatisch verschlechtert hat. Die landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetriebe mussten demnach einen Einbruch ihrer Unternehmensergebnisse um 35 Prozent hinnehmen. Dabei sind die anhaltend schwierige Marktsituation im zweiten Halbjahr 2015 und die Prognosen für 2016 noch nicht berücksichtigt.
Seit nunmehr 15 Monaten erzielen unsere Landwirte für Milch, Fleisch und Eier keine kostendeckenden Erlöse. Endverbraucherpreise im Discount von 51 Cent je Liter Milch, 1,99 Euro für ein Kilogramm Schweinehälfte oder 99 Cent für 10 Eier sind auf unserem Kontinent einmalig. Daraus resultieren Erzeugerpreise von 26 Cent für die Milch und 1,25 Euro beim Schwein oder 6 Cent für ein Ei. Derzeit bleibt die notwendige Wertschätzung für Lebensmittel im Vermarktungsprozess auf der Strecke.
Mit unserer Kampagne „Das kommt beim Bauern an“, die wir am 6. Oktober letzten Jahres zu unserem Parlamentarischen Abend starteten, wollen wir der Gesellschaft und der Politik den derzeitigen Ertrag unserer Arbeit vor Augen führen. Es besteht also ein grobes Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag.
In den vergangenen 12 Monaten hatten deutsche Milcherzeuger, Schweine- und Geflügelhalter einen Wertschöpfungsverlust von insgesamt rund 3,5 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr zu verkraften. Allein in Sachsen betrugen die Verluste im Jahr 2015 in der Milchproduktion 160 Mio. Euro.
Weitere 30 Mio. Euro verloren die sächsischen Schweinehalter. Demgegenüber stieg die Differenz zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreis je Kilogramm Schweinefleisch von 4,10 Euro im Jahr 2012 auf 4,71 Euro im Jahr 2015.
Kurz vor Weihnachten wurden die Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland weiter verlängert. Das daraus resultierende Russland-Embargo beim Handel mit Lebensmitteln beschert uns nach Schätzungen des DBV einen Wertschöpfungsverlust in der deutschen Landwirtschaft von 1 Milliarde Euro jährlich.
Die Liquiditätslage der Tiere haltenden Betriebe bedroht mittlerweile deren weitere Existenz. Die stark negative Entwicklung der Unternehmensergebnisse führt nicht nur zu einer deutlich höheren Fremdkapitalaufnahme, sondern auch zu einem massiven Abbau von Eigenkapital. Zunehmend erhalten außerlandwirtschaftliche Kapitalgeber Zutritt zur Landwirtschaft und entziehen uns die Bodenständigkeit. Zahlreiche bäuerliche Existenzen und Arbeitsplätze in unseren Landwirtschaftsbetrieben stehen auf dem Spiel. Der damit verbundene Rückgang der Investitionstätigkeit zieht weitere Wirtschaftsverluste in vor- und nachgelagerten Bereichen nach sich.
Bei der Selbstversorgung mit heimischen Veredlungsprodukten hier aus Sachsen liegen wir zum Teil weit hinter unseren Berufskollegen aus den westlichen Bundesländern.
Selbstversorgungsgrade
Produkt: Produktion in Sachsen in Sachsen in Deutschland
Milch 1,6 Mrd. kg/Jahr 110 % 112 %
Rindfleisch 52.000 t/Jahr 74 % 110 %
Schweinefleisch 76.000 t/Jahr 33 % 118 %
Geflügelfleisch 97.000 t/Jahr 121 % 100 %
Eier 700 Mio. Stück/Jahr 80 % 60 %


Markmacht des Handels wächst weiter

Aber auch die weiter fortschreitende Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel, wie die derzeit geplante Übernahme der Kaiser´s Tengelmann GmbH in den Edeka-Verbund, trägt zusätzlich zu Wertschöpfungsverlusten in der Landwirtschaft bei.
Der Abstand zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen hat sich bei vielen Produkten in den letzten Jahren deutlich vergrößert. Der tobende Preiskampf der Lebensmittelhändler hat uns Bauern an den Rand unserer Existenz getrieben. In keinem Mitgliedsstaat Europas sind Lebensmittel billiger als bei uns in Sachsen oder Deutschland.
Strukturelle Defizite in der Vermarktungskette und ungleiche Kräfteverhältnisse zwischen Erzeugern, Verarbeitern und dem Lebensmitteleinzelhandel tragen zu den aktuell desaströsen Erzeugerpreisen bei, während die Margen in Verarbeitung und Handel Rekordhöhen erreichen. Die Preisdrückerei gefährdet unsere Existenz. Wenn wir dem Verbraucher Brücken bauen wollen, um seinen Wunsch nach höheren Standards in reale Nachfrage umzusetzen, kann das nur funktionieren, wenn Wertschöpfung auch an uns weitergegeben wird.


Tatenlosigkeit in der Politik

Die Bundesregierung hat nach dem Landwirtschaftsgesetz geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um der Landwirtschaft eine Teilnahme an der fortschreitenden Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft zu ermöglichen. Sie hat in regelmäßigen Abständen einen Bericht zu erstellen, der eine Stellungnahme dazu enthalten muss, inwieweit
a) ein den Löhnen vergleichbarer Berufs- und Tarifgruppen entsprechender Lohn für die fremden und familieneigenen Arbeitskräfte - umgerechnet auf notwendige Vollarbeitskräfte,
b) ein angemessenes Entgelt für die Tätigkeit des Betriebsleiters (Betriebsleiterzuschlag) und
c) eine angemessene Verzinsung des betriebsnotwendigen Kapitals erzielt wird.
Dabei ist im Wesentlichen von Betrieben mit durchschnittlichen Produktionsbedingungen auszugehen, die bei ordnungsgemäßer Führung die wirtschaftliche Existenz einer bäuerlichen Familie nachhaltig gewährleisten.
Mit ihrem Bericht hat sich die Bundesregierung zu äußern, welche Maßnahmen sie zur Durchführung des § 1 Landwirtschaftsgesetz - insbesondere im Hinblick auf ein etwaiges Missverhältnis zwischen Ertrag und Aufwand - getroffen hat, oder zu treffen beabsichtigt.
Der von uns bereits im Herbst geforderte Lebensmittelgipfel unter Leitung von Bundesminister Christian Schmidt brachte am 3. Dezember außer der Feststellung, dass wir Landwirte und Nutztierhalter derzeit alleinig die Risiken des Marktes tragen, nichts Greifbares zustande.
Dringend benötigter Korrekturbedarf bei den kartellrechtlichen Rahmenbedingungen und bei der Praxis des Kartellrechts, um die „asymmetrischen Kräfteverhältnisse in der Vermarktungskette zu beseitigen, blieb ebenso aus, wie die Antwort auf die Frage, wie die Lasten des Russland-Embargos unseren Landwirten abzunehmen sind.
Die erhoffte Unterstützung einer Exportoffensive blieb bisher aus. Zudem beschließt die Bundesregierung immer neue Auflagen und Beschränkungen insbesondere für Nutztiere haltende Betriebe, die über europäische Normen hinausgehen und damit zusätzlich deren Wettbewerbsfähigkeit belasten. Zu nennen wären dabei der für die nächsten Jahre avisierte Ausstieg aus den erforderlichen Maßnahmen, wie der Verödung der Hornanlagen bei Rindern, dem Kürzen von Ferkelschwänzen oder Kükenschnäbeln, zu denen es derzeit keine praxistaugliche Alternativen gibt. Daraus werden Verletzungsgefahren für Mensch und Tier resultieren, deren Folgen heute noch nicht absehbar sind. Eine oft von Tierschützern geforderte individualisierte Nutztierhaltung wird die Versorgungssicherheit aus heimischer Produktion nicht gewährleisten können, wobei der Viehbesatz in Sachsen mit 54 Großvieheinheiten (GV) je 100 Hektar noch weit unter dem Bundesdurchschnitt mit 96 GV liegt.


Erwartungen an das Jahr 2016

Wir Bauern erwarten einen gerechten Anteil am Verkaufspreis und mehr Verantwortung des Lebensmittelhandels im fairen Miteinander, mehr Verantwortung der Verarbeiter in den Preisverhandlungen und mehr Verantwortung der Politik beim Erlass gesetzlicher Auflagen.
In unserer soeben beendeten Klausurtagung mit den Vorsitzenden und Geschäftsführern der Kreis- und Regionalbauernverbände haben wir weitere Aktionen beraten und festgelegt. Bereits zur Internationalen Grünen Woche in Berlin wird die Demonstration am 16. Januar unter dem Slogan „Wir machen Euch satt“ tatkräftig durch Sachsens Bauern unterstützt. Ende des Monats planen wir eine Veranstaltung, bei der unsere Berufskollegen Klartext reden sollen: Wie raus aus dieser Krise? Dabei gibt es kein Tabu. Auch nicht für Demonstrationen hier in Sachsen. Die Zeit des Hinhaltens und der ungerechten Verteilung der Wertschöpfung muss ein Ende haben.
Damit steht unser Verband im 25-ten Jahr seines Bestehens vor den vielleicht größten Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Dennoch werden wir am 6. April ein Fazit ziehen und unser Jubiläum würdig begehen.

DBV - aktuelle Meldungen